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RÜCKBLICK
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RÜCKBLICK
Wiener Schule der
differentiellen klinischen Musiktherapie – ein Update Quelle: Mitteilungsblatt des Österreichischen Berufsverbandes der MusiktherapeutInnen 4-2009 Bettina Weixler
Nach einer kurzen Eröffnungsrede von Elena Fitzthum tauchten wir gleich mit dem Vortrag „Musiktherapeutische Techniken“ von Dorothee Storz mitten in die Thematik ein. Zunächst wurden die Begrifflichkeiten „Technik“, „Methode“,
„Verfahren“ und „Intervention“
beschrieben. Die musiktherapeutischen
Techniken der Wiener Schule
realisieren sich in der Verbindung von psychotherapeutischen Techniken
(Holding, Konfrontieren,…) und dem gezielten Umgang mit musikalischen
Qualitäten (Metrum, Rhythmus, Dynamik, Klang,…), die sich den Kategorien
Produktion (klangliche Neuschöpfung), Reproduktion (klangliche Nachschöpfung),
Reflexion und Rezeption zuordnen lassen. Immer auf dem Hintergrund eines
psychodynamischen Verständnisses, in dem die Beziehungsebene, die
Handlungsebene und die musikalische Ebene zum Tragen kommen. Im Weiteren wird
gezeigt, dass es verschiedenste Möglichkeiten und Versuche gibt
musiktherapeutische Techniken zu benennen und zu systematisieren. Ebenso ist es
mit dem Interventionsbegriff. Der
weit gefächerte Indikationsbereich der MTH bedingt wiederum zahlreiche
unterschiedliche Systematisierungen musiktherapeutischer Techniken. Durch die
verschiedenen Verfahren und Methoden (auch diese Begrifflichkeiten wurden
diskutiert) gibt es in der Musiktherapie unterschiedliche Theorien, die jeweils
ihre eigenen Techniken benennen. Die Wiener Musiktherapie wird als eine am
psychodynamisch orientierten Verständnis und im humanistischen und
tiefenpsychologischen Verfahren
verwurzelte Methode beschrieben. Die Darstellung des Technik-, und Interventionsbegriffs
bei Schmölz (psychodynamische Orientierung) und Wesezky (analog zur modernen
Lerntheorie) veranschaulicht die Unterschiede der Begrifflichkeiten, die sich
durch die verschiedenen theoretischen Konzepte und Bezugsrahmen, in denen sie stehen,
ergeben: Bei Schmölz geht es um das Schaffen einer Vertrauensbasis, Stützen und
Nähren, Durcharbeiten und Konfrontieren mit den Techniken des Einstimmens,
Partnerspiels, Rollenspiels, freier Improvisation, etc. während bei Wesezky
Begriffe wie Sensibilisierung, Motivierung, Konditionierung und Aktivierung im
Mittelpunkt stehen. Abschließend werden anhand von Folien verschiedene Konzepte
gegenübergestellt und verglichen. Ergänzt wurde der Vortrag durch ein Video
eines Praxisbeispiels, in dem uns D.
Storz die Interventionen und Techniken vor Augen führte. Anschließend stellte E. Fitzthum die nächste Referentin
Sandra Lutz-Hochreutener vor, die selbst in Wien ihre Ausbildung machte und
anschließend maßgeblich an der Gründung der Schweizer Musiktherapie beteiligt
war. In ihrem Vortrag „Methoden, Modalitäten und Interventionstechniken in der
Musiktherapie - Versuch einer Methodologie“ wird anfangs die Notwenigkeit einer
Methodologie erörtert: Methodologie als Leitfaden für Reflexion, als Ressource
für die Praxis, um das Handeln nachvollziehbar zu machen und Methodologie zur
besseren Lehrbarkeit. Sie beschreibt 5 Ebenen des musiktherapeutischen
Handelns, die auf der Basis einer therapeutischen Beziehung eingesetzt werden:
Das Musikspiel, als breiteste Ebene bezieht
sich auf alle musikalischen Spielformen. Die große Fülle der Musikspiele lässt
sich wiederum in Methoden zusammenfassen:
Improvisation, Lied, komponierte Instrumentalmusik, Körperzentrierte Spiele,
Rollenspiele, Sprache, Imaginatives Musikerleben, Hantieren mit Instrumenten
sowie die Stille (diese Methoden ergaben sich aus der Analyse von über 500
Therapieeinheiten, die die Vortragende analysiert hat). Innerhalb der Methoden
kann wiederum in einer der drei Modalitäten,
des erlebnis-, konflikt-, und übungszentrierten Handelns, gearbeitet werden.
Die Musik und das Musikspiel haben dabei wieder unterschiedliche Funktionen inne: als Eindruck, Ausdruck
oder Kommunikation. Als 5. Punkt werden dann die Interventionstechniken erläutert, durch die die Funktionen erst zum
Tragen kommen können. An dieser Stelle bringt Lutz-Hochreutener ein
Klangbeispiel, das die Zuhörer den ganzen Tag über nicht mehr loszulassen
scheint. Nach dem berührenden Beispiel, das mehrmals gehört und dann auf die 5
Ebenen des musiktherapeutischen Handelns hin besprochen wurde, fällt es allen
sichtlich schwer wieder auf eine analytische Ebene zu kommen. Ein wunderbarer
Vortrag, mit einem bewegenden Praxisbeispiel, das sicher einigen noch länger in
Erinnerung bleiben wird.
Nach einer kurzen Pause mit Cafe und Croissants gab es eine Diskussion zu den beiden Vorträgen. Die Vorträge machten deutlich wie unterschiedlich die Herangehensweisen an die musiktherapeutischen Techniken, Interventionen und Methoden sein können. Karin Mössler richtete in ihrem Referat den Blick auf die historische Komponente musiktherapeutischer Techniken in der Wiener Schule der Musiktherapie und stellt die Frage: Welche Techniken den Schwerpunkt innerhalb der WIM bilden und woher diese Techniken kommen? Auf der Basis eines Menschenbildes wird in der Musiktherapie versucht Therapieziele, durch musiktherapeutische Techniken, die auf bestimmte Klienten abgestimmt werden, zu erreichen. In ihren Untersuchungen zeigt sich, dass die Improvisationstechniken generationenübergreifend als wesentlichste Techniken in der Wiener Schule der Musiktherapie bezeichnet werden können. Nach diesen spannenden und anregenden Vorträgen wurden drei Workshops von D. Oberegelsbacher, E. Fitzthum und S. Lutz Hochreutener angeboten. Bettina Weixler Workshop A: Musiktherapeutische Techniken bei geistiger Behinderung (Dorothea Oberegelsbacher, Wien Ein Sesselkreis – ein Thema – und der Vorschlag ein Rollenspiel zur Thematik zu spielen. Nach anfänglicher, zögerlicher Zurückhaltung meldete sich eine Teilnehmerin als Patientin und D. Oberegelsbacher übernahm die Rolle der Therapeutin. Ein Rollenspiel entstand, das die Schwierigkeiten in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen deutlich vor Augen führte. Zentral war dabei das Thema des „Nicht-verstehen-könnens“ von dem, was der/die PatientIn mitteilen möchte. Anschaulich wurde dabei die Wichtigkeit des intuitiven Handelns sowie die Nutzung verschiedenster Kommunikationskanäle in der Musiktherapie mit diesem Klientel. Als Theorieinput wurden hier etwa die fünf Ebenen der Kontaktaufnahme mit „poor communicators“ nach Moeler 1998 vorgestellt, die als erste Ebene den fühlbaren Kontakt beinhalten. Anhand eines Arbeitspapiers wurden im Anschluss an das Rollenspiel unter anderem mögliche Problemfelder des Klientels mit geistiger Behinderung wie Probleme des Selbstwerts, der Aggressivität, des Leistungsdruck etc. als auch mögliche Therapieziele wie Förderung des Selbstwertgefühls, Affektregulation, Förderung der kommunikativen Kompetenz, Verarbeitung der Behinderung etc. besprochen. Fr. Dr. Oberegelsbacher berichtete, dass 38% der Menschen mit geistiger Behinderung auch unter einem psychischen Leidensdruck stehen. Für die Präsentation im Großgruppenplenum beschäftigten sich die Teilnehmer zu Ende des Workshops mit der eigenen Arbeit im Arbeitsfeld mit Menschen mit geistiger Behinderung, wobei in der eigenen Praxis verwendete Techniken sowie aus diesem Workshop gewonnene Erkenntnisse gesammelt wurden. Wichtig in Bezug auf den letzten Punkt war bei vielen Teilnehmern der Punkt der Verlangsamung: die Notwendigkeit sich kleinere Ziele zu stecken, sich mehr Zeit zu lassen, sowie sich in vielen Situationen den Druck zu nehmen sofort verstehen zu müssen. Workshop B: Innere Aktivität in der rezeptiven Musiktherapie Im Vorfeld hatte ich mich schon sehr auf diese Fortbildungsveranstaltung des WIM im Herbst gefreut. Das große Interesse und das Anmeldeprocedere nach den gemütlichen Ferien brachte es mit sich, dass ich bedauerlicherweise – als Musiktherapeutin auf einer KJPP – keinen Platz mehr in dem Workshop C bei Sandra Lutz-Hochreutener fand. Durch den anschaulichen, sehr fundierten und auch berührenden Vortrag am Vormittag jedoch konnte ich mir für meine Arbeit viel an Ideen für professionelles Vorgehen mitnehmen. So war ich auch nicht unglücklich, im WS B bei Dr. Elena Fitzthum gelandet zu sein, verspüre ich doch auch in dem Bereich „Rezeptive Musiktherapie“ einen Nachholbedarf aus Lehrgangszeiten. Allerdings kam es etwas anders, als ich dachte. Einmal Platz genommen fühlte ich mich vorerst einmal erinnert an meine Gruppensupervisionszeit bei Dr. Fitzthum zu Beginn meiner Berufstätigkeit (ich hatte sie noch nicht in der Ausbildung gehabt). Auch atmosphärisch begann ich es zu genießen, wieder mal geschaffenen Platz und Raum bekommen zu haben für diese speziellen vertiefenden Momente von musiktherapeutischer Interaktion in kollegialem und geschütztem Übungsrahmen. Meine Vorstellungen bzgl. Rezeptiver Musiktherapie waren ganz anders gelagert als jene, welche die Kursleiterin für diese Übungseinheit angedacht hatte: Mittels konstruierter Situation sollte reflektiert werden, was bei einem „Für den anderen spielen“ bei „TherapeutIn“ und „PatientIn“ als auch auf der interaktionellen Ebene erlebt wird. Bis dato hatte ich den Begriff des sog. „Für-Spiels“ gar nicht gekannt. Dies wurde anhand von drei gestellten Therapiesituationen erarbeitet. Dabei wurde folgenden Faktoren besondere Bedeutung geschenkt: - der Wahl des Instruments - der Regulation der Nähe und Distanz durch Überprüfung des Sitzabstandes - der Art und Weise des Spiels von TherapeutIn Anschließend wurden Fragen erörtert wie: War die Musik mehr im Vordergrund oder nicht, was lief auf der Beziehungsebene und wie stand dies jeweils in Wechselwirkung? Was wurde durch das Spiel der „TherapeutIn“ für die „PatientIn“ zum Ausdruck gebracht, was war dabei bewusst gestaltet, was hat sich gestaltet und wodurch? Was ist im Erleben der „PatientIn“ entstanden und wodurch? Am Ende des Workshops wurde engagiert darüber diskutiert, für welche Klientel diese Interventionsform geeignet wäre und für welche nicht (Florierende Psychosen, Manische Patienten, Hyperaktivität, Traumatisierung,…?) Die Arbeitsgruppe einigte sich dann für das Plenum auf diese Formulierung: Auch der Aspekt der „Regression“ hat einen Platz in der „Wiener Schule“. Welche Ziele kann es bei einem „Für-Spiel“ geben: Instrument vorstellen, Anregung zum Selber- oder Mitspielen, Affektspiegelung, Beziehungsangebot u.v.m. Judith Zimmermann Workshop C: „Dialog Musikspiel – Gespräch in der Musiktherapie mit Kindern und Jugendlichen“ Als Weiterführung und Vertiefung des Vortrags vom Vormittag gestaltet Sandra Lutz-Hochreutener ihren Workshop am Nachmittag. Ausgehend von ihrem Beispiel einer zunächst wenig geglückten Gesprächssituation im Anschluss an ein sehr ausdrucksstarkes und bewegendes „Musikspiel“, ein vom Kind improvisiertes und von der Therapeutin begleitetes Lied, versuchen wir in der Gruppe, die Situation auf verschiedene Weisen weiterzuspinnen. Im Rollenspiel wird von TeilnehmerInnen ausprobiert, wie als TherapeutIn reagiert werden kann und wie diese Interventionen und Impulse beim Kind möglicherweise ankommen. Es zeigt sich, wie hilfreich die praktische Herangehensweise an solche typisch musiktherapeutischen Problemstellungen sein kann. Die Anwesenden sind höchst aufmerksam und gespannt dabei, und einige versuchen gerne ihr „Glück“ als TherapeutIn und probieren ihre Ideen an einem „echten“ Gegenüber aus. Nach der „Auflösung“, bei der wir erfahren, was wirklich geschah und wie schließlich durch den gekonnten Einsatz unseres Spezialwerkzeugs Musik die Situation einen guten Schluss findet, versuchen wir, die Faktoren einer bewussten Gesprächsgestaltung aus diesem Beispiel abzuleiten und die einzelnen Rollenspielbeiträge danach zu analysieren. Sandra Lutz-Hochreutener illustriert damit die (altbekannte) Problemstellung, welche sich zwangsläufig aus der Verwendung von Musik in unserem Beruf ergibt: Musik findet statt auf einer präsentativen Symbolebene, die gekennzeichnet ist von Gleichzeitigkeit. Der Übergang hin zur diskursiven Symbolebene, der Sprache, die sich durch ein Hintereinander der gesprochenen Worte auszeichnet, ist jener Bereich, um den es in diesem Workshop geht. In ihm finden sich Poesie, Nonsens, Geschichten, oder, noch näher an der Musik, ein Abholen mit Worten dort, wo die Musik aufgehört hat, ein die Musik in Worten weiterklingen lassen noch ohne Fakten wortwörtlich zu benennen. Fazit: Ein gelungener Workshop, der die Wichtigkeit von praktischen Methoden als Unterrichtsmöglichkeit unterstreicht; ein Workshop, der einen persönlichen Einblick gibt in die Arbeitsweisen von KollegInnen und der die Auseinandersetzung mit einem praxisrelevanten Thema sehr gut ermöglicht. Fotos
von den Veranstaltungen "50 Jahre Musiktherapie in
Österreich" 15. - 17. Mai 2009 und vom EMTC-
Delegiertentreffen in Wien 16/05: ÖBM - Fest der Jubiläen 17/05: International Conference EMTC 19/05: Heurigenbesuch der EMTC-Delegierten in Grinzing 20/05: Abschied der EMTC-Delegierten
Buchpräsentation Dr.
Karin Mössler
von Mag. Katharina Fuchs
Am
10. Oktober 2008 ereignete sich
für in Wien ausgebildete MusiktherapeutInnen ein Auftakt.
Vielleicht zur
Durchführung, will man die Identität einer Profession
in die
Sonatenhauptsatzform gegossen sehen – und würdigen,
dass Dr. Karin Mössler
sieben Jahre ihres Lebens der Niederschrift ihrer Exposition gewidmet
hat: dem
Band 8 der Wiener Beiträge zur Musiktherapie mit dem Titel
„Wiener Schule der
Musiktherapie. Von den Pionieren zur Dritten Generation (1957 bis
heute)“.Viele, die Entstehung und Entwicklung der Musiktherapie leibhaftig oder auch indirekt (etwa für die Dauer eines Musiktherapie-Studiums) miterlebt haben – familiär, freundschaftlich und kollegial verbundene Menschen, trafen sich an diesem Abend im Clara-Wieck-Schumann-Saal, der damit zum Raum für eine besondere Begegnung wurde. Die einführenden Worte von Dr. Elena Fitzthum wirkten sorgfältig gewählt. Das eröffnende Lied aus Karins Kärntner Heimat brachte etwas von ihren eigenen Wurzeln zu Gehör. Ihre Erzählung von Beginn und Wachstum der Musiktherapie als einer, in den späten 1950er Jahren ganz neuen Therapie-Idee war schlicht und menschlich, ganz der Begegnung mit den Pionieren gewidmet. Persönliche Berührung und Beziehung, die im Rahmen ihrer mehrjährigen Arbeit gewachsen sind, waren deutlich spürbar. Bilder der Pioniere und ihrer Wirkstätten erleichterten das Eintauchen in die Geschichte dieser Menschen, die persönlich viel investierten um der heilenden Arbeit mit Rhythmus und Klang einen Namen und eine wissenschaftliche Heimat zu geben. Ihr Einsatz lohnte sich. Es entstanden nacheinander der Sonderlehrgang für Musikheilkunde, der ordentliche Lehrgang Musiktherapie, das Kurzstudium und schließlich das Diplomstudium Musiktherapie. Wir sind an dieser Universität Musiktherapeuten und Musiktherapeutinnen geworden, indem wir gespielt, zugehört, selbst erfahren, probiert, uns geängstigt, uns überwunden, reflektiert und uns mitgeteilt haben. Wir haben das Wunder Beziehung erlebt: wie es auf einmal da ist, nachdem ein ganz bestimmter Ton verstanden wurde. Wie es manchmal verschwunden scheint, und wie nach langem, einfältigem Hoffen klar wird: doch, es war immer da, das Wunder, und es war sehr klug, mit dem Hören nicht aufzuhören. Aber was machen wir da eigentlich genau, und wer sagt uns, dass es Sinn macht? Wer hat sich das ausgedacht, und mit welchem Recht wird uns erklärt, dass es gut geht, wenn wir so arbeiten? In wiederkehrenden Dialogen mit neuen Bekannten („Musiktherapie! Das ist ja super. Und was macht ihr da?“) spüren wir, wie fein das Netz ist, auf dem wir da so mutig durch die Luft gehen. Es hält eigentlich ganz gut. Vielleicht, weil der Rhythmus eine so tragende Rolle darin spielt, von dem Stella Mayr sagt, dass er Bewegung und Eingrenzung zugleich ist? An diesem Abend schien ein Blick möglich auf die, die das zarte und doch stabile Theoriegebilde für uns festhalten. Stella Mayr etwa hält feine, gruppendynamische Stränge in der Hand. Alfred Schmölz spannt zur größeren Achtsamkeit Einstimmungsfäden, und wartet mit geduldiger Bestimmtheit auf das, was entsteht. Editha Koffer-Ullrich, die ganz am Anfang steht, hält ihre Geige in den Krankenhausalltag – und hat noch eine Hand frei für den Mythos, dass Klänge das Gleichgewicht disharmonisch gewordener Menschen wieder herstellen können. Georg Weinhengsts Patienten halten am Fenster Ausschau: kommt sein Auto auch wirklich? Mit musikalischer Harmonie wird Gruppenerleben geflochten, wertschätzend, im Hier und Jetzt. Seine Kollegin Ilse Castelliz hält für musikalische Übungen Rhythmen, Intervalle, Bilder, Symbole und die Sprache bereit: „Alles ist verbunden“, meint sie - vernetzt, allerdings, seien Kabel, nicht Musiktherapeuten. Albertine Wesecky knüpft an die Spannungsinduktion an; ein lerntheoretischer roter Faden flattert noch im Aufwind. Margit Schneider schließlich hält sich an diesem Abend direkt im Publikum auf: Sie, zu der Karin Mössler im Zuge der Dissertation keinen Kontakt herstellen konnte, sagte uns nun persönlich, was es heißt, eine Pionierin der Wiener Musiktherapie zu sein: sich alles Methodische selbst erarbeitet zu haben. Neben ihr spannte Christl Mölzer, Alfred Schmölz’ Sekretärin einen humorvoll illustrierenden Faden zu ihrem Vorgesetzten: wie sie oft knapp nach Dienstschluss noch Schriften zu kopieren oder Reiseverbindungen herauszusuchen bekam. Für den Gründer der „Wiener Schule“, die so zu nennen wir nun eine wissenschaftliche Grundlage haben. Fotos von der Buchpräsentation Dr. Karin Mössler am 10.10. 2008 Wiener Schule der differentiellen klinischen Musiktherapie – ein Update Modul 1: „Begriffe der Wiener Schule der Musiktherapie im Verständnis aktueller Theoriebildungen“ Quelle: Mitteilungsblatt des Österreichischen Berufsverbandes der MusiktherapeutInnen 4-2008 Der Vormittag Mag. Elisabeth Kaczynski Unter
diesem etwas sperrigen Titel wurde die Veranstaltung
des WIM angekündigt und ich muss gestehen, dass ich mir
darunter nichts
vorstellen konnte. Ich begann mein Studium im Oktober 1995, ebendann
verstarb
Prof. Schmölz und wenn wir auch sein Begräbnis
mitgestalten durften, war unser
Jahrgang der erste ohne persönlichen Bezug zu ihm.
Der Begriff der „Wiener Schule“ begegnete mir während meines Studiums eigentlich recht selten, die Zeit des Partnerpaukens war vorbei und erst im Kontakt mit StudentInnen anderer Ausbildungsorte oder später noch – in der Arbeit mit Praktikantinnen aus Heidelberg und München – wurde mir bewusst, dass es etwas besonderes gibt, was „uns Wiener“ ausmacht. Dem wollte ich auf den Grund gehen und – gleich vorweg gesagt – seit dem 11. Oktober habe ich sozusagen eine neue Identität als Musiktherapeutin der Wiener Schule. Ich bekam Worte und Theorien zu dem geliefert, was ich seit fast zehn Jahren täglich tue.
Auch in der Arbeit mit PatientInnen kann die Einstimmung zur Anwendung kommen, es geht darum, die Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, weniger über das Denken, sondern vielmehr über das Lauschen und sich Einfühlen. Ausdruck und Kreativität war das nächste behandelte Begriffspaar: hier unternahm die Vortragende mit uns einen kleinen philosophischen Ausflug zu Lex Wils. Es geht darum, dass im Ausdruck der Mensch und die Wirklichkeit sichtbar, fühlbar und tastbar werden. Der Ausdruck drückt also eine Wirklichkeit aus, er begründet den Umgang mit bestimmten Themen. Ein vorbewusster Dialog mit der Umwelt findet über die Körperlichkeit statt, damit sind wir auch „ausgerichtet“ auf etwas. Üben ohne Übung: hier zieht Dr. Mag. Oberegelsbacher eine Parallele zu Elsa Gindler, der Begründerin der Konzentrativen Bewegungstherapie, welche auch 1959 in Wien entstand. Hier geht es um das Probehandeln, es soll die „Erfahrbereitschaft des Menschen geweckt werden“, vom präverbalen Greifen zum verbalen Begreifen. Hierbei ist die Arbeit im Hier und Jetzt ganz entscheidend, eine positive Erfahrung bahnt neue Verbindungen, dies lässt sich auch neuropsychologisch nachweisen. Den
Hauptteil bildete dann der Vortrag über die diversen Partnerspiele, eine
„musiktherapeutische
Mainstream“–Übung, von Prof.
Schmölz entwickelt. Ziel ist die klangliche
Erfahrung von Beziehung bzw. die Anbahnung und Ausgestaltung von
Beziehungsebenen.
Das Spiel bewegt sich auf zwei Entwicklungsniveaus, dem konfrontationsbereiten, ödipalen und dem harmoniebedürftigen präödipalen. Auf der Pauke geht es darum, zu dominieren, in das Territorium des Patienten – der häufig männlich ist – einzudringen. Somit kann die Autonomie übend erlernt werden. Das Spiel ist sehr körpernah und daher hoch affektualisiert. Auf dem Xylophon dagegen werden Frage- Antwort- Spiele möglich, es entstehen Melodien, die Struktur kann freier sein. Überraschende Momente werden möglich: Glissandi, ein plötzliches Überkeuzen der Schlägel, Provokationen oder auch humorvolle Einwürfe. Insgesamt ist mehr Distanz und Abstraktion möglich als bei der Pauke. Das Spiel auf zwei pentatonisch gestimmten Leiern ergibt einen sehr harmonischen, verfließenden Klang, der sich allmählich hin- und herbewegt und durch die körpernahe Spielweise mütterliche Geborgenheit vermittelt. Beim Partnerspiel auf dem Klavier wird das Einschwingen besonders gut hörbar, die TherapeutIn untermalt das Spiel der PatientIn in kadenzialer Struktur, auch hier kann die Entwicklung bis hin zur Autonomie hörbar gemacht werden. Ganz zum Schluss wurde noch die Quint-Grundtonspannung, eine Methode von A. Wesecky erwähnt, allerdings aus Zeitgründen nicht näher erläutert. „Relevante psychotherapeutische Referenztheorien zur Wiener Schule der Musiktherapie“, der auch sehr persönlich begann und seine ehemalige Supervisorin Mag. Dr. Dorothee Storz um einen Eintrag in sein Studienbuch bat. Er betonte in seinem Vortrag, dass die Musiktherapie-Ausbildung sich dadurch auszeichnet, musikzentriert zu sein, ohne psychotherapeutische Strömungen zu berücksichtigen. Die freie Improvisation als zentrale Methode der Wiener Schule wird an Musikbeispielen mit psychotischen PatientInnen näher erläutert. Der Begriff des sensoriellen Spiels wird eingeführt, er bezeichnet das Spiel eines Patienten, der nicht in der Lage ist, sich mit den Tönen zu verbinden oder sie als von sich selbst produziert zu erleben. Das Spiel ist charakterisiert durch ständige Wiederholungen und/oder Fragmentierungen, es gibt keine klare melodische, rhythmische oder harmonische Entwicklung, keine Variationen, keine Rekapitulation. Der Therapeut erlebt den Patienten dabei als isoliert, wird vollkommen gefangen in der Musik, ist nicht frei, daher gibt es keine Möglichkeit der Interaktion. Ziel in der musiktherapeutischen Arbeit ist aber eine geteilte innere Erfahrung, ein freies, autonomes Spiel während einer Improvisation. Diese Erfahrung ereignet sich unabsichtlich, charakterisiert durch die Abstimmung musikalischer Parameter zwischen Patient und Therapeut. Zu beiden Arten des Spiels hat Prof. Dr. de Backer eindrückliche Musikbeispiele vorbereitet, in denen die Entwicklung der PatientInnen deutlich sicht- und vor allem hörbar wird. Deutlich wird hier, dass sich zunächst eher kurze, unerwartete und unregelmäßige Momente der Synchronizität ereignen, es wird eine innerliche Pulsierung hörbar, auf die der Therapeut einsteigen kann, kurzzeitig verflechten sich die Klangfarben beider Spieler. Die Hauptaufgabe in der Psychiatrie besteht nun darin, dem Patienten die Möglichkeit zur Symbolisierung zu geben, also musikalische Strukturen zu schaffen, die klare rhythmische und melodische Themen beinhalten, die später noch exploriert und variiert werden können, die Phrasen und Pausen enthalten, die einen Anfang und ein Ende haben, mental vorbereitet werden. Hier entsteht ein intersubjektives Phänomen zwischen Patient und Therapeut: beide sind frei in ihrer Beziehung zueinander, können spielen, denken, existieren und ihre eigenen musikalischen Gedanken entwickeln, gleichzeitig wird die Abhängigkeit voneinander akzeptiert und anerkannt. Ein ganz wichtiger Punkt an dieser Stelle war für mich, dass die Klänge, die während der Improvisation entstehen, von etwas dem Subjekt Unbekanntem geleitet werden. Nicht wir drücken über die Musik Gefühle aus, die Musik drückt uns aus. Welche Möglichkeiten der Intervention gibt es nun? Übernahme der Basslinien- und Diskantlinienposition: der Therapeut sitzt am Klavier links, begleitet und unterstützt, während der Patient sich rechts sitzend melodisch entfaltet. Antizipieren des inneren Klangs und der Stille: dies betrifft die Stille vor der Improvisation, in der der Spieler das Unbekannte, das gleich kommen wird, erahnt. Post- Resonieren: das Nachklingen lassen einer Improvisation Empathisches Lauschen: würde S. Freud „gleichschwebende Aufmerksamkeit“ nennen, Bion das Zuhören ohne „memory or desire“. Der Therapeut versucht durch seinen Körper mit dem Affekt des Patienten in Resonanz zu kommen. Therapeutische Reaktion: die Haltung des Therapeuten, die notwendig ist, innere Bedingungen zu schaffen, damit sich innere Bilder oder Vorstellungen entwickeln können: Achtsamkeit für das Spiel des Patienten, intuitiv das Auftauchen von Phrasen, Struktur und Metrum suchen. Therapeutische Provokation: ist mit der therapeutischen Reaktion verbunden, aber viel direkter, ist keine bewusste Intervention, sondern eine Intervention, die von der vorgegebenen Übertragung gesteuert wird. Mentalisieren nach der Sitzung: manchmal ist es für den Therapeuten ja unerträglich, das sensorielle Spiel auszuhalten und durchzuarbeiten. Trotzdem besteht die Möglichkeit, durch Improvisieren alles, was während der Sitzung berührend empfunden wurde, in einer musikalischen Form wieder zu erschaffen. Dies entspricht dem Konzept der „Reverie“ nach Bion und bezeichnet das Denken und die Verhaltensweise des Therapeuten, die den chaotischen und unerträglichen Erfahrungen des Patienten eine Form gibt, sozusagen zu spüren, was der Patient braucht. Improvisieren in Abwesenheit des Patienten: der Patient erscheint zu spät oder überhaupt nicht zur Sitzung und der Therapeut kann sich über eine Improvisation ein Bild des Patienten schaffen und den therapeutischen Prozess fortführen. In der anschließenden Diskussion zu beiden Vorträgen des Vormittags war der letztere noch stärker in Erinnerung und wurde daher hauptsächlich „nachbearbeitet“. Besonderes Augenmerk lag auf dem Moment der Intersubjektivität, der wohl für alle in den ausgewählten Musikbeispielen deutlich erkennbar und nachvollziehbar war, der aber nicht gemessen werden kann. Hier wurde auch das unterschiedliche Interesse von forschenden und klinischen Musiktherapeuten deutlich. Für mich persönlich war dieser Vormittag eine große Bereicherung, hatte große Relevanz für meine praktische Arbeit und ich bekam Worte bzw. Erklärungen angeboten, die ich auch im Kontakt zu Nichtmusiktherapeuten verwenden werde. Der
Nachmittag Mag. Ute
Rentmeister
Nach dem Mittagessen leiteten zwei Impulsreferate den zweiten Teil der Veranstaltung ein: Dr. Dorothee Storz erläuterte die Bedeutung von Pentatonik, tonaler und freier Improvisation. Sie plädierte für einen methodisch bewussten und reflektierten Einsatz von Tonalität in der therapeutischen Arbeit. Tonalitätsbezogene Aspekte sollten gleichberechtigt neben struktur- und formbezogenen Aspekten und Bedeutungszuordnungen stehen. „Eine kurze Entwicklungsgeschichte des musikalischen Dialogs“ stellte Dr. Elena Fitzthum dar. Ausgehend von verschiedenen Menschenbildern und einer Abhandlung über die Bedeutung des „Dialogs“ in Philosophie, Entwicklungspsychologie, Gestalttherapie und Musiktherapie skizzierte sie zentral ein Modell von „Kontakt“. Daran anschließend wurde die Möglichkeit geboten, sich in drei Kleingruppen über die bisher vorgetragenen Inhalte auszutauschen und Themen weiterzudiskutieren. Der offizielle Titel lautete:„Casework anhand von Beispielen der TeilnehmerInnen“. Die Arbeitsgruppen wurden von Dr. Mag. Dorothea Oberegelsbacher, Bereich Erwachsene, Mag. Johanna Wimmer-Illner, Bereich Kinder und Jugendliche und Dr. Elena Fitzthum, Bereich „Musiktherapeutische Übungen mit Reflexion“ geleitet. Workshop A: Bereich Erwachsene, Leitung Dr. Dorothea Oberegelsbacher In der erst genannten Gruppe wurden verschiedene Fallbeispiele aus den Bereichen Psychiatrie, Neurologie und Sucht in Ausschnitten vorgestellt und besprochen. Konkrete Arbeitssituationen, wie die begrenzte Zeitdauer bei stationären Therapien und der Wunsch nach mehr Möglichkeit zu ambulanter Arbeit waren Thema. Begriffe wie „Partnerspiel“, „Beziehung“ und „Kontakt“ wurden im Kontext der Arbeitsfelder definiert. Nach einer Kaffeepause wurde die Kleingruppenarbeit fortgesetzt und die Ergebnisse der Gruppen in einem abschließenden Round Table zusammengetragen. Ausgangsthema war die „Verbindung zwischen historischer Bedeutung und aktueller Relevanz der Wiener Schule für Musiktherapie“. Einige Themen, hier in ungeordneter Reihenfolge: Die Qualität der Veranstaltung wurde als „identitätsstiftend“ bewertet. Historische Wissenslücken in der Zeit vor und nach Prof. Schmölz konnten geschlossen, Begriffe der „Wiener Schule“ geklärt werden. Der Wunsch nach mehr „Geschichtsstunden“ wurde geäußert und die Frage nach den Menschenbildern hinter verschiedenen Persönlichkeiten der „Wiener Schule“ aufgeworfen. Inwiefern prägte die Antroposophie die Ausbildung? Eine Nachforschung über den Einfluss und die Verbreitung der „Wiener Schule“ in Europa und darüber hinaus war ein Anliegen. Was ist die Geschichte des WIM? Besonderheiten der “Wiener Schule“, wie das Praktikum mit Supervision, die Selbsterfahrung und die Musiktherapie als Psychotherapie wurden hervorgehoben. Mehr Präsenz in der Öffentlichkeit war eine Forderung und damit verbunden der Wunsch nach einer, im Sinne der „Wiener Schule“, besetzten Professur. Das Anliegen einen Arbeitskreis für Musiktherapie mit Kindern zu gründen war ein Thema. Die StudentInnen brachten Neugier über die Kernbegriffe und Geschichte der „Wiener Schule“ ein, fragten, welche Rolle die „Stimme“ in der Wiener Ausbildung spiele, wünschten sich mehr interdisziplinäre Vernetzung innerhalb der Universität und eine Vertiefung der rezeptiven Methodik. Angeregt und lebendig, ganz im Zeichen des Tages, klang die Veranstaltung mit einem gemütlichen Zusammensein aus. Heidi Huber Workshop B: Bereich
Kinder und Jugendliche, Leitung Mag. Johanna Wimmer-Illner
Mit vielen offenen Fragen - wie in einigen informellen Pausengesprächen unter „KindertherapeutInnen“ deutlich wurde - gingen an die 15 TeilnehmerInnen am Nachmittag in den Workshop. Aus diesen Gesprächen aufgegriffen und von Mag. Wimmer-Illner angesprochen war das Bedürfnis, das Gehörte vom Vormittag zu ergänzen, bzw. auf unseren Bereich anzuwenden Aus Zeitgründen wurde sinnvollerweise das angekündigte casework „vertagt“. Mag. Wimmer-Illner gab eine kurze Einführung zur Begriffsklärung, indem sie die differentielle klinische Musiktherapie, basierend auf einer entsprechenden Diagnostik gegenüber einem möglichen eklektischen Ansatz postulierte. Daraus ergeben sich vor allem Fragen zur (musiktherapeutischen) Diagnostik und zu den zugrunde liegenden Referenztheorien, auf die wir zurückgreifen (z.B. STERN, PIAGET, Konzepte aus der Bindungsforschung etc.), um zu einer Differenzialindikation für Musiktherapie mit Kindern und Jugendlichen zu kommen. Gemeinsam konnten wir die Inhalte der Vormittagsvorträge (eher bezogen auf erwachsene PatientInnen) für uns „adaptieren“. Die Hauptgedanken dazu möchte ich skizzieren: In der Arbeit mit (schwer) entwicklungsverzögerten Kindern und Jugendlichen bewegen wir uns oft im vorsprachlichen Bereich und dementsprechend gestaltet sich das musiktherapeutische Angebot auf einer sehr basalen Ebene. Das Anbieten symbiotischer Klanggebäude, das musikalische Mitschwingen mit einem erlebten Affekt oder Körperausdruck oder z.B. das bewusste Verwenden einer musikalischen Form als Hilfe zur Strukturierung, schaffen hier oft erst die Grundlagen für Kontakt, Intersubjektivität und dialogisches Spiel. In diesem Zusammenhang wurde der Input aus Jos de Backer‘s Vortrag diskutiert, dass Musik unmittelbar uns und unsere Affekte ausdrücke, nicht primär schon Gefühle. Ein längerer Austausch über die Diagnostik in den verschiedenen Institutionen, in denen die TeilnehmerInnnen tätig sind, ergibt, dass Diagnostik vor allem von PsychologInnen und ÄrztInnen gemacht wird, MusiktherapeutInnen aber manchmal in besonders unklaren Fällen explizit zur Diagnostik angefragt werden. Musiktherapeutische Diagnostik verstehen wir als Prozessdiagnostik, zirkuläre Diagnostik, als therapieinhärentes Geschehen. Unsere Wahrnehmung der PatientInnen und die Resonanz auf das Beziehungs- und Ausdrucksgeschehen führen sozusagen zu einer inneren Interpretation, die wiederum eine konkrete musiktherapeutische Intervention ermöglicht. Diagnoseschemata, wie z.B. die MAKS-Skala des Ausdrucks- und Kommunikationsverhaltens (VON MOREAU) bzw. das EBQ (SCHUMACHER) können dabei behilflich sein. Sehr angeregt durch dieses Gespräch war der Wunsch der TeilnehmerInnen des Workshops, nach der Pause nochmals zusammenzukommen zum Thema „Relevanz des Gehörten für den eigenen Arbeitsbereich“. Beim Sammeln der Schätze („Was nehme ich mit?“) kristallisierten sich folgende Schwerpunkte heraus: - die identitätsstärkende Funktion dieses Fortbildungstages - der fruchtbare Austausch mit kompetenten KollegInnen - ein vertieftes Verständnis erlebter Ausbildungsinhalte (z.B. „Die Einstimmung“ nach SCHMÖLZ) - ein vertieftes Verständnis der therapeutischen Beziehung („aktives Warten“; „den Prozess halten“) und des therapeutischen Geschehens („Entladung ist noch keine Therapie“ (Jos de BACKER) Drei geäußerte Wünsche greife ich auf: - Bei einer der nächsten Fortbildungstage ein Hauptvortrag aus dem Bereich Musiktherapie mit Kindern und Jugendlichen - Die „Gründung“ eines Arbeitskreises für diesen Arbeitsbereich - (Regionale?!) Treffen zu bestimmten Themen, wie z.B. Diagnostik, Indikation, Containment Das klingt nach Aufbruchstimmung, die hoffentlich unseren dichten „normalen“ Alltag überlebt und sich eine geeignete Form schafft. Wer könnte dafür das „Containment“ übernehmen und Ansprechperson sein?! Ein herzliches Dankeschön dem WIM für die Initiative und diese gelungene Veranstaltung. Mag. Alexander Pirchl Ein kurzer Erlebnisbericht Um endlich wieder einmal mit TherapeutInnen der selben Familie – der Wiener Schule der Musiktherapie - zu improvisieren, sich auszudrücken, zu erleben und wahrzunehmen, schrieb ich mich für diesen Workshop ein. Ist es doch ganz im Sinne von Prof. A. Schmölz gewesen - einer Person die über der ganzen Tagung schwebte – die Musiktherapie nicht ausschließlich in ihrer Theorie zu erlernen, sondern besonders als Spiegel des Lebens zu erleben. Dabei erlaube ich mir eine ultrakurze Ausschweife einer Begegnung mit Prof. A. Schmölz, bevor ich wieder zurückkehre auf meine Eindrücke: Als ich eines Tages am Büro von Prof. A. Schmölz in der Singerstrasse vorbei ging, bat dieser mich um ein kurzes Gespräch. Einen Schlüsselsatz daraus, welcher mich bis heute begleitet, möchte ich an dieser Stelle wiedergeben: Nehmen Sie die Erlebnisse und Wahrnehmungen der musiktherapeutischen Gruppenimprovisation mit in Ihr Leben und setzten Sie diese um, leben Sie sie! Mit dieser Erinnerung im Hinterkopf, ausgelöst durch die vorangegangenen Vorträge, machte ich mich auf den Weg in den Workshop, welcher nicht im, sondern bereits außerhalb des Raumes begann. Elena: „Wir treffen uns vor dem Raum, es soll bitte niemand den Raum betreten!“ Erste Spannung machte sich breit und niemand wusste, was ihn erwartete. Elena bat uns, ohne Worte in den Saal zu gehen, wahrzunehmen und zu spüren, was es mit uns macht. Drinnen fand ich einen Sesselkreis vor, in deren Mitte zwei gegenüber stehende Stühle mit einer Pauke dazwischen standen. Auf der Pauke lagen spielbereit vier Schlägel. Ich setzte mich in den Sesselkreis und stellte fest, dass sich eine Person unserer Gruppe wegen der zu geringen Anzahl der Stühle im Kreis an die Pauke setzte oder setzen musste. Die Spannung erhöhte sich. Elena beauftragte uns weiter nachzuspüren, ob wir uns ebenfalls an die Pauke setzen möchten, um zu spielen. Die Spannung erhöhte sich. Ich selbst überlegte und spürte. Einerseits entstand ein sehr großes Bedürfnis zu spielen, andererseits sah ich mich als einziger Mann in der Gruppe, in der Mitte exponiert, automatisch auch das Thema „Frau – Mann“ einbringend, was ich nicht wollte. Endlich stand jemand auf und begab sich in die Mitte zum Spiel. Die Spannung reduzierte sich, Neugier entstand. Das Spiel und besonders auch unsere Erlebnisse und vorangegangenen Wahrnehmungen wurden reflektiert. Elena erwähnte, dass Prof. A. Schmölz auch dieses Setting in der Gruppenimprovisation angewendet hatte. Die zweite Übung war eine freie musikalische Gruppenimprovisation, wobei wir die Wahrnehmung auf einzelne musikalische Dialoge und Begegnungen im Gesamten fokussieren sollten. Das Spiel begann in der Stille. In dieser Gruppenimprovisation erlebte ich sehr intensiv, dass wenn ich mehrere unterschiedliche musikalische Begegnungen in der Gruppe machen und wahrnehmen möchte, dies immer auch mit Loslösungen verbunden war, um zum nächsten Dialog zu wechseln. Die Reflexion dieser Übung fand methodisch in Zweiergruppen statt. Den Workshop verließ ich mit der Bestätigung und dem Erlebnis, dass die musiktherapeutische Improvisation und der musikalische Dialog, Beziehungen intensivst auf einer Ebene spüren und erleben lassen, wie dies in unserem Alltag überdeckt durch das gesprochene Wort nur selten geschieht. Die nonverbale Ebene, wie sie durch den Workshop einmal mehr achtsam wahrgenommen wurde, bringt Beziehungen in einen Prozess und lässt sie dynamisch und lebendig bleiben. Leben Sie, was Sie erleben! Fotos vom 1. Seminartag der Fortbildungsreihe am 11.10. 2008 |