Dialog als Format

Konzeption einer "Werkstatt"

2011 begann das WIM anlässlich der 1. Wiener Werkstatt Musiktherapie mit der Konzeption eines neuen Veranstaltungsformats: Anstatt Fortbildungsprogramme ausschließlich mit Referentinnen und Referenten aus dem musiktherapeutischen Arbeitsfeld zu gestalten, wurden Expertinnen und Experten aus angrenzenden oder gänzlich fachfremden Disziplinen eingeladen. Beispiele dafür waren: eine Abfallwirtschaftswissenschafterin sprach zum Thema "Katharsis", ein Hoteldirektor zum Thema "Fremd Sein", ein Schriftsteller zum Thema "Erinnern". 

Grundlegend dafür war der Gedanke, das die teilnehmenden Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten in Form von Kleingruppenarbeit die eigene Bedeutung fachexterner Inputs für ihre musiktherapeutische Tätigkeit erarbeiten mussten, sowie die Übersetzung und den Transfer in ihr musiktherapeutisches Denken und Handeln leisten mussten. 

Im Rückblick und durch das Feedback der Teilnehmenden erwies sich diese Herangehensweise an schwierige Themen als sehr sinnvoll. So prägten sich etwa die konkreten Bilder zum städtischen Wiener Abfallsystem als Leitgedanken für abstrakte Themenkomplexe (Katharsis) ein. Alleine die Unterscheidung zwischen Sondermülldeponie (gefährlicher Müll) und Kompostieranlage (wiederverwertbarer Abfall) wurden zu Metaphern, die Analogien zum therapeutischen Prozess offenbarten. In ähnlicher Weise lieferte ein Beitrag über den Umgang mit Krebszellen im menschlichen Immunsystem interessante Bilder: der nicht zu identifizierende Feind (Krebszelle) ist in der Lage, ein ganzes Immunsystem "auszutricksen" und kann zum Tode führen (Fremd Sein).

Dialog als neues Kongressformat

Dialogue Sessions

Diese Erfahrungen brachten wir in die Gestaltung der 10th European Music Therapy Conference 2016 in Wien mit ein. Anstatt der sonst üblichen Keynote-Speaker wurden jeweils zu einem Thema (Music Therapy and Neuroscience - Improvising and Composing - Music Therapy and Economy) zwei ExpertInnen zur täglichen Dialogue Session eingeladen. Einer kam aus einer fachfremden Disziplin, dessen Dialogpartner war ein ausgewiesener Experte aus der Musiktherapie. Auf die beiden ca. 25-minütigen Impulsreferate folgte eine moderierte Diskussion beider ProtagonistInnen coram publico. Abschließend wurde das Publikum miteinbezogen und konnte an dieser Diskussion teilnehmen.

 

Dieses Angebot wurde durchaus kontrovers angenommen, regte es doch zu anhaltenden Diskussionen an. Aus Sicht der Veranstalter bekam damit der Grundgedanke des Dialoges eine neue Dimension.

 

Poster Lounge

Der oben skizzierte dialogische Grundgedanke floss auch in die Gestaltung der Poster Sessions mit ein. Die erweiterten Möglichkeiten der Präsentationsgestaltung (classical print poster & animated screen presentations) fanden in einem eigens dafür gestalteten Raum ("poster lounge") statt, in dem Sitzgelegenheiten zum Verweilen und verbalen Austausch einluden. In täglichen Poster Sessions hatten die Autorinnen und Autoren die Möglichkeit, ihre Posters in vierminütigen Kurzvorträgen die Hintergrundinformationen ihrer Arbeiten einem interessierten Publikum vorzustellen. Die Organisatorinnen der Posterlounge bemühten sich, jeweils 3-4 Beiträge zu ähnlichen Bezugspunkten auszuwählen. Daraus entstanden wiederum zahlreiche inhaltliche Querverbindungen, Diskurse und fachlicher Austausch.

 

Die Realisierung dieser neuen Formate im Rahmen des EMTC 2016 wurde ermöglicht durch die erfolgreiche Zusammenarbeit im Local Organising Team.

 

Das WIM ist der festen Überzeugung, dass die Dialektik in der fachlichen Auseinandersetzung mit ihren Kernthemen essentiell für einen weiteren akademischen Diskurs ist. Das Potential des dialektischen Spannungsfeldes führt möglicherweise zu dem Ergebnis, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt.

 

Nachlese zur EMTC 2016 in der Zeitschrift Musiktherapeutische Umschau

Wiener Institut für Musiktherapie

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